Ratschlag oder Einmischen?

Gerade die Geburt des 1. Enkelkindes ist ein sehr wichtiger Meilenstein in einer Familie. Die Freude ist gross, nicht nur bei den Eltern. Auch die Grosseltern freuen sich sehr und machen es sich oft gleich zur Aufgabe die jungen Eltern zu unterstützen. Dies kann schnell zu Konflikten innerhalb der Familie führen.
Wo ist ein guter Rat angebracht, wo ist es zu penetrant? Wo ist die Grenze und wie setzt man sie?

Vielleicht kennst du diese Situation?

Petra (29) wickelt ihren süssen neugeborenen Sohn Benjamin und zieht ihn frisch an. Die Grossmutter Irene (62) steht daneben und kommentiert:„ Du musst darauf achten, dass du das Köpfchen besser fest hältst. Wenn du das Body vorher schon bereit machst, kannst es Benjamin in einem Ruck überziehen, dann geht es leichter.

Irene wohnt in der Nähe und ist oft bei ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter. Dass sie vor Stolz über den Enkel fast platzt, ist unübersehbar. Sie unterstützt Petra und ihren Sohn, wo sie kann. Martin ist viel im Ausland und kann die junge Mutter nicht sehr oft unterstützen. Benjamin hat eine leichte Neugeborenen - Gelbsucht und das macht Grossmutter Irene Sorgen. Sie überlegt sich, ob sie einfach den Kinderarzt anrufen soll, ohne ihrer Schwiegertochter was zu sagen. Petra ist der Meinung, dass es wohl reicht mit Benjamin an die Sonne zu gehen. Die Hebamme hätte sie beraten und ihr vertraut sie.
Irene findet das keine gute Idee und macht sich Sorgen. Ob sie vielleicht selbst einmal den Kinderarzt anrufen sollte?

Jedesmal wird es schlimmer und Irene mischt sich immer mehr ein. Es wird schon bald alles kommentiert. Petra muss sich jedes mal zusammen reissen, um nicht mit Streiten anzufangen. Sie mag Irene und weiss auch, dass sie eine wichtige Person für ihre neue kleine Familie ist. Irene ist eine liebe Schiegermutter und hat viel Erfahrung da sie selber 4 Kinder hat.

Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen ist bis anhin mehrheitlich freundschaftlich. Petras Mutter ist verstorben und so belastet sie diese Situation noch mehr. Sie fühlt sich extrem unter Druck und auch sehr bevormundet.

Der Stillrhythmus, die Haltung beim stillen, wo das Bettchen steht, wie Benjamin hineingelegt wird - Alles wird kommentiert und verbessert. Sie hat das Gefühl, dass sie nichts mehr richtig macht.


Sie wird am Wochenende mit Martin darüber sprechen, wie sie weiter vorgehen soll.
Für Martin ist es nichts Neues. Sein Bruder hätte ihm das gleiche erzählt, als seine Mädchen auf die Welt kamen.

Hör einfach nicht hin, sie meint es ja gut.

Das ist nicht der Rat, den sie sich gewünscht hat und sie überlegt sich, wie sie es anstellen kann, damit Irene nicht mehr so oft zu Besuch kommt.

Hat Irene hier die Grenze überschritten?

Warum nervt sich Petra so über die Ratschläge?. Warum empfindet sie es als Einmischen?
Hat die Schwiegermutter wirklich eine Grenze überschritten?

Petra war noch nie eine selbstbewusste Frau. Oft schon hatte sie das Gefühl, auf andere Menschen angewiesen zu sein und dass sie ständig kritisiert wird. Auch während der Schwangerschaft und Geburt veränderte sich ihre Unsicherheit nicht, sie wurde sogar noch unsicherer. Dies ist auch der Grund, warum sie nicht offen darüber reden mag.

Irene hat einen anderen Hintergrund für ihr Verhalten. Sie ist traurig, weil ihre 4 Kinder sie nicht viel brauchen. Sie haben alle ihre eigenen Familien und bringen einiges unter einen Hut. Sie selbst war mit voller Hingabe Mutter und hat sich über die Geburt ihres Enkels sehr gefreut.

Benjamin kam zu früh auf die Welt, dadurch entwickelte er die Neugeborenen Gelbsucht. Durch die vielen Abwesenheiten ihres Sohnes, hat sie erst Recht das Gefühl, dass Petra sie dringend braucht. So nimmt Irene ihre alte Rolle wieder ein und entwickelt sich zur Übermutter. Sie bemerkt nicht, dass sie damit mehr kaputt macht, als dass sie hilft. 

Petra hat sich entschlossen, beim nächsten Mal wenn die Schwiegermutter sich anmeldet, schon was vorzuhaben. Irene findet es komisch, Petra ist nicht die Frau, die sich so spontan mit anderen verabredet. Dazu kommt noch die Gelbsucht, die Irene Sorgen bereitet.
Auch beim nächsten Telefonat wimmelt Petra sie ab, nun wird Irene hellhörig. Was ist los? Hat Petra Probleme? Wieso redet sie nicht mit ihr darüber? Das Verhältnis war doch immer gut.
Irene fühlt sich zurück gestossen und auch etwas hilflos. Sie meint es doch gut und möchte es allen Recht machen.

Wie bei Petra und Irene ist es bei ganz vielen Familien.

Die Rollen verändern sich und es ist oft für alle Beteiligten nicht einfach. Manchmal brechen alte Konflikte auf, die wie ein Schwelbrand unter dem Dach lodern.

Verschiedene Vorstellungen einer Familie, modernere Rollenverteilungen, andere Erziehungsansichten. Es bietet sich einiges an Konfliktpotenzial zwischen den Generationen.

Grosseltern sind sehr wichtige Beziehungspersonen für ein Kind. Sie sind etwas Besonders, haben viel Zeit, viel Erfahrung und Liebe für die Enkelkinder übrig. Es ist wichtig, dass die Generationen für eine gute Beziehung sorgen.
Wenn wir nun Petra und Irene betrachten dann gilt vor allem:

Wer sich einmischt, zeigt Interesse. Für eine Mutter ist es nicht immer einfach ihre Kinder los zu lassen. Zu sehen, wie sie und ihre Partner selbstständige Erwachsene sind, stellt für viele Eltern eine grosse Herausforderung dar. Wenn sich die Grossmütter in die Erziehung einmischen, immer wieder gute Ratschläge verteilen, dann nur, weil sie ihre Kinder und ihre Enkel lieben. Es ihnen wichtig ist, dass es allen gut geht.

Gute Gründe für ihre Handlungsweise

Auch wenn die Ratschläge von Irene bei Petra sehr verletzend und ungeschickt ankommen, macht sich Irene dazu keine Gedanken. Es erscheint ihr richtig und genau wie Petra, spricht auch sie nicht offen über ihr Unbehagen.
Niemand will den anderen bewusst verletzen. Grosseltern wollen ihre Kinder unterstützen und leben dabei oft etwas zu stark ihre eigenen Muttergefühle aus. Das letzte was sie möchte ist, dass die Schwiegertochter sich unter Druck fühlt.

Konflikte sind normal

In solchen Situationen wie bei Petra und Irene ist normalerweise ein Streit vorprogrammiert. Wenn ich Kundinnen in meiner Praxis in solchen Situationen coache, gebe ich immer den gleichen Rat: Sich nicht grollend zurück ziehen und den Schwellbrand dadurch nähren. Eine gute Kommunikation suchen, ICH - Botschaften senden und erklären, was genau empfunden wird. Oft ist es auch hilfreich, sich zu überlegen, was genau man selber aus der Situation lernen kann. Bei Petras Fall ist es sicherlich ein Hinweis auf das fehlende Selbstvertrauen.

Der fehlende Selbstwert ist ein grosses Thema bei vielen Frauen und es lohnt sich ungemein, sich diesem Thema zu widmen und eine Veränderung herbei zu führen. Denn gerade in der Kindererziehung fordern unsere Kinder viel Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und einen guten Selbstwert, an dem es sich empfiehlt zu arbeiten.
Im Gegenzug machte es für Irene Sinn zu lernen, dass junge Eltern vieles anders lösen und sie auch geliebt wird, wenn sie sich weniger einmischt und erst Ratschläge erteilt, wenn sie gefragt wird.

Wo ist die Grenze zwischen einem Rat und Einmischung?

Einmischen zeugt von Interesse. Das ist bestimmt richtig. Doch auch Grosseltern können und sollen lernen: es ist für die jungen Eltern schwierig, wenn sich alle einmischen und das Gefühl haben sie wissen es besser. 

3 Punkte die wichtig sind.

  • 1) Fehler machen erlaubt und es ist ebenso wichtig.
  • 2) Die Art und Weise wie man Ratschläge erteilt. Wie heisst es so schön? "C'est la ton qui fait la musique."
  • 3) Dem Gegenüber offen lassen, ob der Rat angenommen wird oder nicht.
    Ein Einmischen löst ganz andere Gefühle aus als ein Rat. „Einem Rat kann man frei folgen, einmischen reizt zu Widerstand.“

Es gibt nicht viele vergleichbare Konfliktherde, wie die Erziehung.

  • Wie viel Zeit wird beim Wickeln verbracht?
  • Ab wann schlafen Babys am besten im eigenen Bett?
  • Wie schnell sollte eine Mutter reagieren, wenn das Kind weint?


Grosseltern dürfen lernen eine gewisse Gelassenheit zu leben und sich darüber klar werden, es findet ein weiterer Ablöseprozess statt, sobald das eigene Kind Vater oder Mutter wird. Sich aufzuregen, sich ständig einmischen oder Ratschläge zu erteilen, kann für die Beziehung zum eigenen Kind und zum Enkel "gefährlich" werden.

Heute sind viele junge Eltern beide berufstätig und wenn möglich, passen Oma und Opa auf die Enkelkinder auf. Eltern müssen sich darüber klar werden, dass gewisse Erziehungspunkte der Grosseltern bei den Kindern hängen bleiben.
Wenn Oma also dem Fünfjährigen nach dem Essen noch eine warme Ovi oder Schokoladenmilch macht und er diese vor dem Fernseher trinken darf, dann wird er sicher irgendwann sagen: „Aber bei Oma darf ich das.“
Hier ist nun eine selbstbewusste und souveräne Haltung der Eltern gefragt. Ein einfaches und klares ‚Hier aber nicht’ genügt.
Kinder können sehr wohl JA und NEIN unterscheiden. Auch können sie sehr früh differenzieren wo was erlaubt ist.
Als mein Sohn klein war und ich aufgrund der Trennung meines Mannes einen 60% Job hatte, war er öfters bei meiner Freundin. Dort durfte er auf dem Sofa rum hüpfen, es gab spezielle Desserts und einiges mehr war anders. Nicht schlechter,einfach anders.
Zuerst war es für mich schwierig, meine eigenen Regeln durchzusetzten, da ich ein schlechtes Gewissen hatte, aufgrund der Trennung.
Einen Augenblick lang liess ich meinen Sohn das alles auch machen. Ich hatte dieses erdrückende Gewissen, oft wenig Zeit, war müde oder einfach an der Grenze. Es wäre sicherlich bequemer gewesen, es einfach geschehen zu lassen.
Doch ich sträubte mich. Dies war mein zu Hause und ich hatte meine eigenen Bedürfnisse.

Ebenso wusste ich, dass es die soziale Kompetenz von Kindern stärkt, wenn sie lernen, dass es bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Regeln gibt.


Wichtig ist die Dinge anzusprechen

Wenn die Regeln von Oma und Opa, Freundin, Ex-Mann als störend empfunden werden, dann sollte man reagieren.
Bei Kleinigkeiten darf man großzügig sein. Und bei wichtigen Dingen ebenso klare Worte sprechen. Eltern geben die Richtung vor. Egal um wen es geht, es ist klar, eine gewisse Diplomatie gehört dazu.

Alte Muster, ungeklärte Konflikte von früher führen leicht zu Missverständnissen.

Eine totale und absolute Harmonie ist gar nicht möglich, darüber sollten sich alle im Klaren sein. Man sieht nur immer an die Fassade und nicht dahinter. Es gibt in allen Familien Streit und Konflikte.
Auch wenn es schwer fällt gewisse Dinge anzusprechen, man Angst hat, es einen Moment lang Disharmonie gibt, sollte man seinem Unmut Luft machen. Ansonsten eskaliert es.
Sicherlich ist es nicht immer einfach die richtigen Worte zu finden, Klarheit zu schaffen ohne zu kränken. Oft kann ein Brief Abhilfe schaffen. Dies ermöglicht die eigenen Position klar und ruhig darzustellen. Es gibt allen Zeit nach zu denken. 

Wichtig ist, sobald sich etwas ungut anfühlt, angesprochen wird.

Von Herzen viel Erfolg bei allem was sich gerade schwierig anfühlt. Tausche die Rollen und betrachte es aus dem anderen Blickwinkel. Was will dir diese herausfordernde Situation zeigen?

Herzlichst
Tanja

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Kursleiterin - Tanja Klaus

Ich kann mich sehr gut an die Geburt meines Sohnes erinnern. Aufgrund dessen, dass es mir während der Schwangerschaft nicht gelang die Angst vor der Geburt abzubauen, stand ich mir selber sehr im Wege. Leider gab es damals Hypnobirthing noch nicht in der Schweiz. Mein damaliger Mann hat mich hervorragend unterstützt und dank ihm kam ich da irgendwie durch. Zeitlich gesehen war es eine normale Geburt, lediglich hätte sie noch besser voran gehen können, wenn ich ruhiger und gelassener gewesen wäre. Hätte ich mich auf mein Urvertrauen verlassen und die mentale Kraft gehabt, welche in der Mentalen Geburtsvorbereitung vermittelt wird, wäre mein Sohn noch ruhiger und noch liebevoller auf die Welt gekommen.

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